Kolik

Alin hat eine Kolik

Kolik - ein so kleines und kurzes Wort, dass trotzdem bei jedem Pferdebesitzer kurzzeitige Atemaussetzer auslöst. Dabei ist die Kolik bzw. allgemein Erkrankungen des Verdauungstraktes zusammen mit Atemwegserkrankungen und Erkrankungen des Bewegungsapparates die häufigsten Erkrankungen überhaupt. Und dazu auch noch die Erkrankungen, mit der höchsten Sterblichkeitsrate. Statistisch gesehen ist jede dritte/vierte Kolik operationswürdig. Schaut man sich jetzt mal in seinem Pferdeumfeld um, kann es ziemlich schnell ziemlich ernst werden. 

Verdauungstrakt

Der Verdauungstrakt des Pferdes wird in fünf Zonen unterteilt, wobei die jeweiligen Darmabschnitte noch gesondert bezeichnet werden: Die Nahrung gelangt über die Mundhöhle und Speiseröhre in den Magen, von wo aus sie in den Dünn- und Dickdarm gelangt. Der Magen des Pferdes ist mit einem pH-Wert von 1,55 (Medianwert) sehr sauer im nüchternen Zustand, was durch die permanente Magensäureproduktion bedingt ist. Hat das Pferd nun dauerhaften Zugang zu Raufutter steigt der pH-Wert auf 2,69 (Medianwert) 5,5 an und der Mageninhalt wird in 50 Minuten (Mittelwert) in der Zwölffingerdarm entleert. Dadurch kann der Übersäuerung des Magens und etwaigen Schäden entgegengewirkt werden. Der Magen an sich hat, verglichen mit der Körpermasse des Pferdes, ein recht kleines Fassungsvermögen von 12 – 15 Litern. Der Dünndarm hingegen kann je nach Rasse eine  Länge von 22,4 m (19 – 30 m) haben. Hier wird der Nahrungsbrei stufenweise enzymatisch aufgespalten. Im Dickdarm erfolgt die Verdauung des Raufutters, also von Zellulose. Dieser ist sauerstofffrei und wird deshalb auch als Gärkammer bezeichnet. Anschließend wird der Kot zu Ballen geformt und ausgeschieden. Grundsätzlich ist der Verdauungstrakt des Pferdes ein sehr gut aufgebautes, aber dadurch auch sehr sensibles Organ.

Grundsätzlich gibt es verschiedene Kolikarten, die teilweise anderen Ursprungs sind.

1. Verstopfungskolik:

Vielen Verstopfungskoliken liegt eine zu geringe Wasseraufnahme zu Grunde. Der Kot wird zu fest und kann nicht ausgeschieden werden. Aber auch zu wenig Futter oder zu wenig Bewegung können die Auslöser sein. Auch plötzliche Futterumstellungen oder Vorerkrankungen wie eine Infektion können eine Verstopfungskolik auslösen, weil die Stoffwechselfunktionen im Ganzen runtergefahren werden. Das Problem hatten wir auch bei Alin. Der Kolik vorausgegangen war ein Infekt, der den Stoffwechsel quasi lahmgelegt hat. Daraus hat sich eine Verstopfung manifestiert, die wiederum zur Aufgasung und Verlagerung des Darms geführt hat. 

 

2. Krampfkolik

Hierbei löst schlechtes, verdorbenes Futter oder enormer Stress Krämpfe aus.

 

3. Gaskolik

Eine Gaskolik kann sich durch eine Verstopfung manifestieren oder aber durch falsche Fütterung mit Rasenschnitt, verschimmeltes Saftfutter, Kartoffeln, Bakterien usw.

 

4.Sandkolik

Vor allem wenn die Pferde zu lange auf zu kurz abgefressenen Weiden gehalten werden, nehmen sie sehr viel Sand auf. Dieser lagert sich im Darm ab und kann zu Krämpfen, Verstopfungen und Darmverdrehungen führen.

 

Weitere, teilweise sehr gravierend verlaufende Kolikarten sind die Magenüberladung, der Darmverschluss oder die Darmeinklemmung. Viele Kolikarten gehen miteinander einher. So kann eine Verstopfungskolik auch zu einer Gaskolik führen, weil die Nahrung weiter gährt, dieses Gas aber durch die Verstopfung nicht austreten kann.

 

 

Symptome

  • deutlich hörbare und vermehrte Darmperistaltik
  • häufiges Wälzen, unter den Bauch treten
  • Apathie
  • es wird kein Kot abgesetzt
  • Krämpfe
  • häufiges Gähnen
  • Nahrungsverweigerung
  • Fieber

Eine Kolik stellt IMMER einen lebensbedrohlichen Zustand dar! Statistisch gesehen muss jede dritte bis vierte Kolik operiert werden. Es kommt auf jede Minute an. Deshalb gilt: Nicht lange fackeln und direkt den Tierarzt rufen!

Wie alles begann

Mittags war ich am Stall und habe die Pferde ganz normal bewegt und bespaßt. Abends gegen 18:30 Uhr rief unsere Stallbetreiberin an und teilte mir mit, dass Alin nichts fressen würde. Jeder kennt sein Pferd ja am besten, und während es bei Sunny nicht allzu merkwürdig wäre, wenn sie nichts fressen würde, ist das eine Sache. Aber wenn Alin nichts frisst, dann stimmt wirklich etwas nicht. Nach dem ersten Fiebermessen war dann klar: Sie hat wahrscheinlich einen Infekt. Die Temperatur lag bei 39 Grad. Ohne langes Zögern habe ich dann den Tierarzt gerufen, der auch sehr schnell kam und eine umfängliche Anamnese durchführte - inklusive Rektaluntersuchung. Da war aber alles gut. Also gab es Schmerzmittel und Fiebersenker. Die Medikamente sollten spätestens nach 20 Minuten. Es stellte sich aber keine Besserung ein, sondern es wurde viel schlimmer. Alin hat immer zu mit dem Kopf geschlagen, war absolut matt und apathisch. Plötzlich zeigte sie typische Koliksymptome. Tierarzt erneut gerufen, Pony aus der Box in die Halle und Schritt geführt. Die Tierärztin hat Alin noch mal rektal untersucht und jetzt hat man deutlich eine Darmverlagerung gespürt und eine enorme Aufgasung. Es gab zwei Möglichkeiten: Entweder behandeln wir sie hier mit unseren Möglichkeiten, das heißt Schrittführen, Suspensionen eingeben und hoffen, dass es sich löst, oder direkt in die Klinik fahren. Eine Kolik ist das eine und schon gravierend genug, aber eine Darmverlagerung steht auf einem ganz anderen Blatt. Das wird schon operationswürdig. Also stand für uns fest: Ponys aufladen und ab nach Hannover. Gesagt, getan. Vorab gab es aber noch 6 Liter Wasser per Nasen-Schlund-Sonde, damit der Darm beschwert wird und sich nicht noch weiter verlagert. Die Hängerfahrt lief zum Glück sehr ruhig. Auch Auria stand super - trotz erstmaliger Trennwand zwischen den beiden. In der TiHo angekommen durften wir die beiden coronabedingt nur abladen und an die Ärzte übergeben. Für mich stand aber fest, dass ich bin nach der ersten Untersuchung vor Ort bleiben würde. Das Ergebnis war ziemlich ernüchternd. Zusätzlich zur Darmverlagerung kamen sehr schlechte Vitalwerte, eine extreme Aufgasung und sehr voluminöse Verstöpfung. Auch die Milz war weit abgeklappt (was auch immer das bedeutet). Alin muss da bleiben, unser Handy soll die ganze Nacht anbleiben. Um halb 3 morgens waren wir zu Hause, aber an Schlaf war nicht zu denken. Zum Glück rief niemand an. Erst morgens um halb 8: Zustand ist unverändert schlecht. Sie versuchen es aber dennoch erst mal weiter mit konservativen Maßnahmen. Das große Problem: Der Magen gibt keine Flüssigkeit ab. Die Verstopfung ist zu massiv. Alin muss über einen Venenkatheter versorgt werden. Vier Tage lang gab es keine Entwarnung, kein "Sie ist über den Berg", es war immer ein, "Wenn es nicht besser wird...". Und so gab es täglich Blutabnahmen, Venenkatheter, Flüssigkeit per Nasen-Schlund-Sonde, Bauchultraschall, Schmerzmittel, Antibiose, Fiebersenker und und und. Dann der Anruf: Der Darm liegt richtig! Wir sind auf dem Weg! Von da an ging alles eigentlich ziemlich schnell. Zwei weitere Tage wollte ich Alin gerne zur Beobachtung dort lassen - zur Freude der TiHo - und zu meiner Sicherheit. Sie wurde vorsichtig angefüttert und so durften wir sie eine Woche später wieder abholen. Sehr erschöpft und matt, aber gesund und ohne Op. 

Danach

In dieser Woche hat Alin ungemein stark an Gewicht verloren, sie war nach kürzester Zeit draußen völlig fertig und matt und hat über den Tag verteilt sehr häufig im Liegen geschlafen. Die Strapazen, die Schmerzen, der Stress müssen enorm gewesen sein. Aber zum Glück ist meine Zuckerpuppe jetzt wieder wohlauf und zu Hause! Jetzt steigern wir langsam das Futter, Heu hat sie den ganzen Tag zur Verfügung, und bewegt wird sie nur so, wie sie selbst möchte. Durch diese Erfahrung, die ich keinem Wünsche, habe ich noch mal einen ganz anderen Blick auf mein Glück, was jeden Tag im Stall wartet und mich mit seiner Silbernase begrüßt und beschnuffelt.

Die Kosten

Früher wurde immer gesagt, wenn man ein Pferd hat, sollte man ca. 2000€ auf der hohlen Kante haben, falls es mal eine Kolik hat. Mittlerweile ist diese 2000€ Marke ein Witz. Alin wurde auf Grund des sehr kritischen Zustands 24 Stunden pro Tag überwacht. Durch den vorausgegangenen fiebrigen Infekt musste sie zusätzlich noch auf die Isolierstation. Täglich wurde der Bauch geschallt, Blut abgenommen, die Infusionen gewechselt, Medizin verabreicht, Schritt geführt, Flüssigkeit eingegeben und wieder von vorne. Die Ärzte und Pfleger haben wirklich alles gegeben und mich immer auf dem Laufenden gehalten. Letztlich kam ein Betrag von knapp 3000 € zusammen - inkl. der Unterbringung. Geld, was ich sehr bereitwillig ausgegeben habe und jederzeit wieder ausgeben würde. Mein Herz kann nichts und niemand und kein Geld der Welt ersetzen. 

Aber man muss sich eben im Klaren darüber sein, WAS ein Pferd kosten kann, wenn es mal krank ist. WELCHE Summen auf einen zukommen, wenn es mal nicht ambulant behandelt werden kann, sondern stationär aufgenommen werden muss. 2000 € reichen also bei Weitem nicht. Ich würde appellieren, dass jeder Pferdebesitzer pro Pferd 5000 € über haben sollte, damit man im Fall der Fälle nicht überlegen muss, ob man sich eine Behandlung leisten kann oder nicht. Wir übernehmen Verantwortung für unsere Tiere, die wir uns anschaffen. Und diese Verantwortung müssen wir tragen - in jeder Situation!

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